The Grenadines


Ein Reisebericht von Irene Schmudermaier


Windward-Islands von St. Lucia bis nach Grenada und zurück nach St. Lucia (Karibic-Törn Januar 1997)


Im kalten Winter 95/96 reifte irgendwann die Idee heran, segeln in der Karibik, das wär’s! Schnell waren 8 Leute zusammen, die sich gleichfalls dafür begeisterten:
Hanne und Gisbert, unsere Clubfreunde,
Christa und Klaus, bisher wenig Berührungspunkte mit der Sportboot-Schifffahrt,
Anne und Gebhard; Gebhard hat schon einige Segelerfahrung aufgrund der im Mittelmeer mit Manfred gemachten Törns,
und last, but not least Manfred Schmudermaier, unser Skipper, und ich.

Während der „Boot 96" wurden erste Kontakte mit der Charteragentur Freimmo geknüpft, und bald ist man handelseinig. Es soll eine „Beneteau" der Charterfirma Moorings sein. Wir buchen eine „Mooring 505 Exclusiv":
Länge 15,20 m
Breite 4,50 m
Tiefgang 1,80 m
Segelfläche 124 qm 4 Kajüten mit je 2 Kojen nebeneinander

5 Duschen 4 Toiletten
1000 ltr. Wasser
460 ltr. Treibstoff
30 to. Verdrängung
Viel zu schnell geht die Boot-Saison ‘96 zu Ende. Der Winter kommt mit Macht, Schnee, Eis, Kälte.
Unsere Seesäcke sind gepackt; am Freitag, dem 10.01.1997 geht es los:

1. Tag 10.01.1997

5.15 Uhr. Wir treffen uns am Koblenzer Hbf. Wir haben Nieselregen und Schneematsch. Noch sind wir warm verpackt. Der Intercity läuft um 6.52 im Frankfurter Flughafen ein. Schnell haben wir eingecheckt, nehmen noch einen Kaffee zu uns, und um 9.25 Uhr fliegen wir non stop nach St. Lucia. 14.05 Uhr Ortszeit landen wir auf dem Hawanorra Flughafen, werden von der Fa. Moorings mit einem Kleinbus abgeholt und zur Marigot-Bay gebracht. Die Landschaft der Traumbucht Marigot-Bay in St. Lucia ist wirklich einmalig. Die Versorgungs-Möglichkeiten des Sützpunktes der Fa. Moorings sind erstklassig. Erst einmal inspizieren wir „unsere" Yacht. Sie ist brandneu und hält, was uns versprochen wurde. Wir modernen Seefahrer haben es leicht, Tiefenmesser, Sat-Navigation; Kolumbus wäre vor 500 Jahren neidisch auf uns gewesen.

2. Tag 11.01.1997

Erstes Eingewöhnen an die Segelei. Klaus erlernt die ersten Begriffe für’s Segelsetzen und - einholen. Er hat schnell den Durchblick bei all den vielen Schoten, Leinen und Enden. Eine Rollfock erleichtert die „Hand-Arbeit"; die Winschen sind von beeindruckender Größe.

Wir segeln nach Soufriere (St. Lucia). In Nachbarschaft zu den 2 Pitons (2 kegelförmige Berge von über 700 m, steil aus dem Meer aufragend) liegen wir in der Hummingbird (Kolibri)- Beach. Und tatsächlich sehen wir diese winzigen Vögel, wie sie nektarsaugend von Blüte zu Blüte eilen.- Die Insel ist ein tropisches Paradies. Im besonders schön angelegten botanischen Garten erleben wir die Vielfalt des Regenwaldes. Blumen, die wir sonst nur als Exoten im Blumenladen kennen, hier wachsen sie einer Manngifaltigkeit, die uns nur so staunen läßt. Ein Besuch des Diamond Mineral Bath, das von einem Wasserfall gespeist wird und zum Drive-in-Vulkan mit den nicht gut riechenden, immer noch blubbernden Schwefelquellen bildet den Abschluß dieses unvergesslichen Tages.

3. Tag 12.01.1997

Heute ist der Sprung nach Port Elizabeth (Bequia) vorgesehen. 51 sm mit halbem Wind sind gut zu schaffen. Wir haben hohen Seegang. Christa kämpft mit Seekrankheit. Sie ist sehr tapfer, nur ein bisschen still während der Fahrt. Schwärme von fliegenden Fischen kreuzen unseren Bug. Mal sind es größere Fische, mal eine ganze Schar aus der Kinderstube. Kurz vor Bequia beobachten wir, wie ein Mann im Schlauchboot (angeleint, damit er seine Kamera halten kann) steuerbordseits uns fotografiert. Am anderen Tag bietet er uns die Bilder zum Kauf an. Wir nehmen alle eins, denn wann hat man schon mal die Gelegenheit, sich segelnderweise auf einem Foto zu sehen, in voller Fahrt, das gesamt Schiff, die komplette Crew?


4. Tag 13.01.1997

Wir ankern in der Admiralty-Bay. Als wir unseren Ankerplatz verlassen, um Wasser zu bunkern, stellen wir fest, dass die Ruderanlage nicht in Ordnung ist. Ließ sich das Ruder noch tags zuvor bis 15 Grad drehen, so sind es heute nur noch 5 Grad. Dank unseres Skippers schaffen wir es dennoch, am Wasserbunkersteg anzulegen. Wir melden den Defekt dem ansässigen Reparaturdienst. Schon am nächsten Tag, am

5. Tag 14.01.1997

wird die Reparatur vorgenommen. Der Keil, der das Zahnrad auf der Ruderwelle arretiert, hatte sich gelöst. - Während die Männer alles genau beobachten, lassen die Frauen sich per Beiboot zum nächsten Traumstrand bringen, geniessen die Sonne, die Palmen, das karibische Leben auf Bequia und pina colada.

6. Tag 15.01.1997

Heute stehen einige high lights auf dem Programm. Wir segeln zu den Tobago Cays. Die ganze Schönheit der Grenadinen zeigt sich innerhalb des sehr treffend benannten „Horse Shoe Reef" mit 4 unbewohnten Cays. Die Tobago Cays mit ihren winzigen Palmenstränden und den vorgelagerten Riffen sind das schönste, was man in der Caribik antrifft. Das Kaleidoskop der Wasserfarben wechselt von Tiefblau vor dem Riff bis Hellgrün am Ankerplatz. Die Unterwasserwelt ist die schönste der Kleinen Antillen überhaupt. Schnorcheln und schwimmen sind angesagt. Anne versucht sich das erste Mal im Schnorcheln. Wir sind alle begeistert! Solch eine Vielfalt von Fischen findet man sonst nur im Seewasser-Aquarium. Aber dies hier ist Natur pur!!

Das kleine Eiland Mopion wird erkundet. Es ist ein nur 40 cm hoher weißer Sandberg im Meer, bestückt mit einem Sonnenschirm aus Palmenwedeln. Heute gehört dieses Inselchen uns. Am späten Nachmittag verlassen wir diese Idylle, um in Clifton Herbour (Union Island) zu ankern. In der Dämmerung nehmen wir Kurs auf die Bucht. Absolute Vorsicht ist geboten; hier sind mehrere Riffe vorgelagert. Eine „Augapfel-Navigation" ist neben der auszumachenden Betonnung unverläßlich.
Ein Abendessen im Boll-Head haben wir uns redlich verdient. Schon auf dem Weg zur Bucht bieten uns 2 Insulaner an, ihr Lokal zu besuchen. Fisch und Lobster stehen auf dem Speiseplan. Klaus hat zwar einen aus dem Kindergarten erwischt, aber dafür gibt es im Restaurant karibische Musik live mit einer Steel-Band. Dass uns da der Rhythmus in die Glieder fährt, ist doch klar. Nur den Hüftschwung der Union-Island-Men müssen wir noch üben!


7. Tag 16.01.1997

Ein kurzes Segelvergnügen über 40 sm nach St. Georges (Grenada.) St. Georges, die Hauptstadt des Inselstaates Grenada, ist eine reizvolle Stadt in der südlichen Karibik. Das wird besonders deutlich entlang der Carenage, dem alten Hafenviertel mit seinen alten Kolonialbauten, Häusern in zarten Pastelltönen in rosa, blau und gelb und den typischen westindischen Holzhäusern. Auf den Straßen rund um den Hafen herrscht geschäftiges Leben.
Die Insel, die auch Gewürzinsel genannt wird, stellt z.B. 30% der Muskatnuß-Ernte der Welt. Safran, Zimt, Kakao werden in großer Menge auf dem Markt angeboten, um nur einige der Produkte zu nennen. Wir schlendern über den Markt, der prall gefüllt ist mit exotischen Früchten, Gewürzen und karibischem Flair.

8. Tag 17.01.1997

Wir segeln zur Hartmann Bay (Grenada.) Hier hat unsere Charterfirma einen Stützpunkt. Eine exclusive Ferienanlage gehört ebenfalls dazu. Wir baden im hoteleigenen Pool und genießen die herrliche Aussicht bei einem Planter’s Punsch.

9. Tag 18.01.1997

Unser nächstes Ziel ist Halifax (Grenada.) Wir ankern in Halifax Herbour. Hier sind wir die einzige Yacht.
Die wenigen Fischerboote, die vor Anker liegen, haben eine seltsame Besatzung. Pelikane sitzen in Reih und Glied, scheinbar unbeteiligt. Doch sobald sie einen Fisch erblicken, kommt Leben in sie. Mit einer Eleganz, die man den schwerfällig wirkenden Vögeln gar nicht zutraut, tauchen sie stromlinienförmig ins Meer und holen sich ihr Abendessen.
Wir aber machen uns auf zu den Concord-Wasserfällen. Wir werden fündig und mieten einen Kleinbus incl. Fahrer, der uns dort hinbringt. Wieder einmal sehen wir den tropischen Regenwald, seine üppige Vegetation, Bananen-Plantagen, Kakao-Bäume, exotische Früchte in ihrer Vielfalt. Am oberen Wasserfall tummeln sich Insulaner. Gegen eine kleine „Anerkennungsgebühr" springen sie vom 10 m hohen Felsen in das Wasserbassin, Foto inclusive.

10. Tag 19.01.1997

Sandy Island heißt heute unser Traumziel, Die Insel trägt ihren Namen zurecht. Der Korallensand ist wie Puderzucker mit rosa Pünktchen der zerriebenen Korallen. Die Postkarten-Insel wurde in den vergangenen Jahren von tropischen Stürmen stark mitgenommen und zum Teil zerstört. Ein Teil der Palmen, die dieses Eiland so liebenswert machen, liegt unter Wasser, und die See hat die Insel in 2 Hälften geteilt. Aber die Beliebtheit der Insel ist bei den Seglern ungebrochen, der Ankerplatz im Süden ist einer der schönsten und fotogensten Plätze in den Grenadinen. Das Wasser ist glasklar, und die Riffe an der Westseite sind erstklassige Schnorchelgebiete. Wir sind mehr unter als über Wasser anzutreffen.


11. Tag 20.01.1997

Heute sind wir Hillsborough (Carriacou.) Wir besuchen den Markt und kaufen Bananen. Wieviel Stauden Bananen haben wir bisher eigentlich gekauft?) Shopping ist angesagt. Und ehe sich die Frauen gleich zweimal bitten lassen, werden sie schon wieder fündig, sei es auch nur, um eines dieser schön bedruckten T-Shirts zu erstehen.

12. Tag 21.01.1997

Ein kurzer Schlag bringt uns zur Salt Whistle Bay (Mayreau.) Auch hier ankern Segelboote aus aller Herren Länder. Mit schnorcheln, schwimmen und sonnenbaden verbringen wir den Tag. Kokosnüsse, die wir am Strand finden, laden zum Boccia spielen ein. Wie kann das Leben doch schön sein.

13. Tag 22.01.1997

Eigentlich haben wir noch zwei Tage Zeit zur Endetappe. Doch wir entschließen uns, heute schon nach St. Lucia zurückzusegeln. Wir haben 76 sm vor uns. Und das hart am Wind. Da sag noch einer, in der Karibic regnet es nicht. Tropische Regengüsse prasseln auf uns nieder, und wenn wir noch nicht von oben naß sind, so setzt das Meer noch eins drauf, wenn der Bug tief eintaucht und Wasser überkommt.

In diesem Kaleidoskop der Ereignisse plötzlich ein Aufruf von Klaus, der die besten Augen von uns allen hat: „Da, was ist denn das, so was Graues im Wasser?" Kaum ausgesprochen, sehen wir eine Fontäne aus Luft- und Wassergemisch emporsteigen. Allen wird bewußt, dass wir hier das größte Säugetier der Erde in natürlicher Umgebung erleben dürfen. Wir sind sehr geeindruckt. Gisbert unterbricht das Schweigen, als er sagt, jetzt würden nur noch die Delphine fehlen. Wir brauchen nicht lange zu warten, als Hanne kurz vor St. Lucia sie als erste ausmacht. Diese verspielten, munteren Gesellen, die wie Pfeile unter unserem Schiff durchschießen, um gleich darauf vor dem Bug wieder aufzutauchen. Was für ein Tag! Er wird in unserer Erinnerung einen besonderen Platz einnehmen.

14. Tag 23.01.1997

Rodney-Bay. Sie bietet alles, was das Segler-Herz begehrt. Steganlagen, eine leistungsfähige Werft, eine Einkaufsstraße, Telefone, beste Restaurants und natürlich Buchten vom Feinsten. Ein letztes Mal packen wir unsere Badetaschen und wandern durch das karibische Dorf Gros Islet zum nächsten Strand. Wir tauchen noch einmal ein in türkisblaues 27 Grad warmes Wasser, sammeln Muscheln und Korallen, die hier zuhauf am Strand herumliegen. Abends segeln wir zurück zu unserem Ausgangspunkt, zur Marigot-Bay. Die wenigen Seemeilen sind viel zu schnell abgesegelt. Das ruhige Dahingleiten könnte noch etwas andauern.

15. Tag 24.01.1997

Die letzten Formalitäten sind erledigt; das Schiff ohne Blessuren wieder übergeben worden. Wir haben unsere Seesäcke gepackt. Time to say good-bye. Ein Kleinbus holt uns um 11.00 Uhr ab und bringt uns zum Flughaben. Um 15.05. Uhr hebt die Condor ab. Nach einer Stunde landen wir in Antigua zwischen. Am Flughafengebäude spielt eine Steel-Band. Diese freundlichen Menschen haben einfach Musik im Blut. Nach einer Stunde Transitaufenthalt starten wir in Richtung Frankfurt.

16. Tag 25.01.1997

7.00 Uhr Frankfurt Flughafen. Temperaturen um den Gefrierpunkt. In Shorts sind wir in St. Lucia eingestiegen, im Winterdress verlassen wir das Flughafengebäude. Stück für Stück haben wir uns wieder vermummt..Deutschland im Januar hat uns wieder!!
Es war ein traumhafter Törn, reich an Eindrücken, Begegnungen und Erlebnissen. Was mir ganz besonders gefallen hat, war die absolute Übereinstimmung unter uns 8, wir haben alles gemeinsam gemacht und das mit Freude. Alle haben sich tapfer verhalten, auch bei kabbeliger See.


Danke dafür,

und vielleicht heißt es ja bald mal wieder:
Mast - und Schotbruch!

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